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Ratgeber · Für Lehrbetriebe

Bewerbung ohne Motivationsschreiben: warum Hürden Lernende kosten und was stattdessen zählt

Noch immer verlangen viele Lehrbetriebe von 14-Jährigen ein Dossier wie von erfahrenen Fachleuten: Motivationsschreiben, Lebenslauf, Zeugnisse, Eignungstest. Das kann dich genau die Jugendlichen kosten, die gut zu dir passen würden. Hier liest du, was stattdessen etwas aussagt und wie du die Hürde senkst.

  • 6 Minuten Lesezeit
  • Aktualisiert am 26.10.2026

Warum ein dickes Dossier Bewerbungen kostet

Eine Jugendliche in der 2. oder 3. Sek hat noch nicht viel, was in einen Lebenslauf passt. Ein Motivationsschreiben hat sie vielleicht im Unterricht einmal geübt, aber selten für einen echten Betrieb geschrieben. Manche schieben die Bewerbung deshalb vor sich her oder lassen es ganz bleiben, obwohl sie der Beruf interessiert. Dazu kommt: Jugendliche sind vor allem am Handy unterwegs, und dort ist ein PDF-Dossier mühsam.

Gleichzeitig sagt ein Motivationsschreiben heute wenig. Mit Vorlagen aus dem Internet oder KI-Programmen entsteht in Minuten ein fehlerfreier Text, der bei allen gleich klingt. Du erfährst daraus vor allem, wer Hilfe hatte, und kaum, wer zu dir passt.

Auch Eignungstests sind eine Hürde. Sie kosten Zeit, manche auch Geld, und nicht jede Familie kann dabei gut unterstützen. Für dich als Lehrbetrieb ist das Dossier ausserdem Arbeit: lesen, vergleichen, nachfragen, absagen. Und die Bewerbungen, die wegen der Hürde gar nicht erst kommen, siehst du nie. Gerade kleine Betriebe mit wenigen Bewerbungen können sich das kaum leisten.

Was wirklich etwas über Lernende aussagt

Für eine Lehre zählt weniger, was jemand schon kann, als was er lernen will und wie er sich verhält. Aussagekräftiger als ein Dossier sind:

  • Interessen: Wer gern schraubt, kocht oder mit Zahlen tüftelt, bringt Motivation mit. Die trägt durch die Lehre oft weiter als eine gute Note in Deutsch.
  • Stärken und Haltung: Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Freude am Umgang mit Menschen. Darauf kommt es im Alltag an, und das steht in kaum einem Zeugnis.
  • Die Schnupperlehre: Ein paar Tage im Betrieb zeigen beiden Seiten mehr als drei Seiten Papier. In der Schweiz ist sie ohnehin der wichtigste Schritt vor der Bewerbung.
  • Ein Kennenlernen: Ein kurzes, lockeres Gespräch, gern mit den Eltern, zeigt dir, ob die Chemie stimmt.
  • Das Zeugnis, richtig gelesen: Absenzen und Noten in den Fächern, die für deinen Beruf zählen, sagen mehr als der Durchschnitt.

Das hängt auch mit Lehrabbrüchen zusammen. Wer den Beruf nicht wirklich kennt oder ihn nur aus Verlegenheit gewählt hat, steigt eher wieder aus. Eine gute Auswahl achtet deshalb auf Interesse und Haltung und gibt beiden Seiten in der Schnupperlehre ein ehrliches Bild. Mehr dazu im Ratgeber Lehrabbruch verhindern.

So senkst du die Hürde in deinem Betrieb

  1. Kurzbewerbung erlauben Name, Telefonnummer, Wunschberuf und zwei Sätze, warum. Mehr braucht es für den ersten Kontakt nicht.
  2. Mehrere Wege anbieten Anruf, Nachricht per Messenger oder ein kurzes Formular auf der Website. Schreib ins Inserat, dass kein Motivationsschreiben nötig ist.
  3. Schnell antworten Melde dich innerhalb weniger Tage. Wer lange wartet, riskiert, dass die Jugendliche schon woanders zugesagt hat.
  4. Schnupperlehre statt Dossier Lade zur Schnupperlehre ein. Dort siehst du, wie jemand arbeitet und auf Menschen zugeht.
  5. Unterlagen später Zeugnis und Lebenslauf forderst du an, wenn ihr euch einig werden wollt. Dann sind sie eine Formsache und keine Hürde.
  6. Freundlich absagen Wer nicht passt, bekommt eine kurze, ehrliche Rückmeldung. Das spricht sich an Schulen herum.

Was bleibt, egal wie du auswählst: Der Lehrvertrag muss vor Lehrbeginn unterschrieben und vom Kanton genehmigt sein, bei Minderjährigen unterschreibt die gesetzliche Vertretung mit. Eine allgemeine ärztliche Untersuchung schreibt das Gesetz nicht vor. Ein ärztliches Zeugnis brauchst du aber zum Beispiel bei regelmässiger Nachtarbeit von Jugendlichen (Wegleitung zur ArGV 5). Und bei der Auswahl darfst du niemanden wegen des Geschlechts benachteiligen (Art. 3 GlG).

Worauf du in der Schnupperlehre achtest

Die Schnupperlehre ersetzt das Dossier nur, wenn du weisst, worauf du schaust. Sprich vorher mit der Kollegin oder dem Kollegen ab, der die Jugendlichen begleitet, und frag am Abend nach dem Eindruck. Diese Fragen helfen dabei:

  • Kommt die Person pünktlich und meldet sich, wenn etwas dazwischenkommt?
  • Stellt sie Fragen, wenn ihr etwas unklar ist?
  • Packt sie bei einfachen Aufgaben mit an, ohne dass man sie bitten muss?
  • Wie geht sie mit Mitarbeitenden und Kundschaft um?
  • Bleibt sie dran, wenn etwas nicht gleich klappt?
  • Kann sie am Ende sagen, was ihr gefallen hat und was nicht?

Nervosität am ersten Tag ist kein schlechtes Zeichen. Wichtiger ist, ob jemand im Laufe der Tage auftaut und Interesse zeigt. Plane die Aufgaben so, dass sie spannend und trotzdem sicher sind: Gefährliche Arbeiten sind in der Schnupperlehre nicht zulässig, zuschauen ist erlaubt (Art. 4b Abs. 2 ArGV 5). Halte am Schluss eine kurze schriftliche Rückmeldung bereit, die Jugendlichen brauchen sie für ihre Bewerbungen. Wie du eine Schnupperlehre aufbaust, steht im Ratgeber Schnupperlehre.

So macht es Jimmy

Jimmy startet in der Schweiz mit einem Pilot. Jugendliche bewerben sich dort nicht mit einem Dossier, sondern legen ein Profil an. Es zeigt, wofür sich jemand interessiert und welche Lehre er sucht. Ein Motivationsschreiben brauchen sie nicht.

Für dich ist das ein zusätzlicher Kanal neben LENA, Schnupperlehre und Schulkontakt, kein Ersatz dafür. Ehrlich gesagt: Ein Profil ersetzt kein Kennenlernen. Es zeigt dir, mit wem sich ein Gespräch lohnt. Ob jemand in dein Team passt, merkst du am Ende in der Schnupperlehre.

Muss ich ganz auf Unterlagen verzichten?

Nein. Es geht nicht darum, auf Informationen zu verzichten, sondern um die Reihenfolge: erst Kontakt, dann Schnupperlehre, dann Unterlagen. Wenn du beim ersten Schritt nur Name und Telefonnummer verlangst, führst du mehr Gespräche, und aus Gesprächen werden Lernende.

SchrittWas du brauchst
Erster KontaktName, Telefonnummer, Wunschberuf, zwei Sätze
SchnupperlehreKontakt der Eltern bei Minderjährigen, Notfallnummer
Vor der Zusageletzte Zeugnisse, falls nötig ein Eignungstest
LehrvertragPersonalien, AHV-Nummer, Unterschrift der gesetzlichen Vertretung bei Minderjährigen

Wie du das in deinem Inserat formulierst, zeigt der Ratgeber Lehrstelleninserat schreiben mit Muster. Weitere Wege zu Lernenden stehen unter Lernende finden.

Häufige Fragen

Darf ich auf Motivationsschreiben und Lebenslauf verzichten?

Ja. Welche Unterlagen du verlangst, entscheidest du als Lehrbetrieb selbst. Für den Lehrvertrag brauchst du später bestimmte Angaben, und bei Minderjährigen unterschreibt die gesetzliche Vertretung mit.

Wie erkenne ich ohne Dossier, ob jemand die Lehre schafft?

Am besten in der Schnupperlehre. Das Zeugnis kannst du vor dem Lehrvertrag trotzdem ansehen. Absenzen und die Noten in den Fächern, die für deinen Beruf wichtig sind, sagen dabei mehr als der Durchschnitt.

Bekomme ich dann nicht viele unpassende Bewerbungen?

Vielleicht ein paar mehr. Die klärst du mit einem kurzen Telefonat aber schneller als mit dem Lesen eines Dossiers. Dafür melden sich auch passende Jugendliche, die sich an ein Motivationsschreiben nicht herangetraut hätten.

Wie funktioniert Jimmy in der Schweiz?

Jimmy startet in der Schweiz mit einem Pilot. Jugendliche legen ein Profil an und bewerben sich ohne Motivationsschreiben. Für Lehrbetriebe ist das ein zusätzlicher Kanal neben LENA und Schnupperlehre.

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